
Was bedeutet eigentlich „Mobilität für alle“? Wer wird in der Mobilitätsplanung noch immer übersehen? Und wie können Mobilitätsangebote so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen selbstbestimmt unterwegs sein können? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Auftaktveranstaltung der neuen Reihe „Wohin geht die Reise?“ am 30. Juni 2026 im „Erlebnisraum Digitale Souveränität in der Mobilität“ des Deutschen Technikmuseums in Berlin. Rund 60 Gäste waren der Einladung gefolgt und verfolgten eine Podiumsdiskussion mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, öffentlichem Verkehr, Zivilgesellschaft und Digitalisierung.
Dr. Kerstin Stark vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V. (DLR), Jürgen Roß vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), Jonas Deister vom Sozialhelden e. V. und Patrick Seirafi von der Fluxguide Ausstellungssysteme GmbH beleuchteten gemeinsam mit der Moderation Karl-Friedrich Lorenzen und Dr. Christina Wolking von der mFUND-Begleitforschung die Frage, welche Barrieren heute bestehen und welche Ansätze eine inklusive Mobilität der Zukunft stärken können.
Zum Einstieg begrüßte Natascha Königs vom Bundesministerium für Verkehr (BMV) die Gäste. Sie machte deutlich, dass Barrierefreiheit nicht nur eine technische Anforderung ist, sondern vielmehr eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe darstellt. Umso wichtiger ist aus ihrer Sicht auch, dass Barrierefreiheit von Beginn an in Planungs- und Entwicklungsprozessen mitgeda

Inklusive Mobilität betrifft uns alle
Den Einstieg in die Diskussion bildete die Frage, warum inklusive Mobilität kein Nischenthema ist, sondern alle Menschen betrifft. Jonas Deister schilderte eindrucksvoll, wie schnell sich die eigene Perspektive auf Mobilität verändern kann. Nach vielen Jahren Engagement für die Sozialhelden wurde er selbst querschnittsgelähmt und erlebte plötzlich Barrieren, die ihm zuvor nur bedingt bewusst waren. Seine Botschaft: Mobilitätseinschränkungen können jede und jeden treffen – dauerhaft oder auch nur vorübergehend. Deshalb profitieren letztlich alle von Mobilitäträumen, die unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen.
Unterschiedliche Lebensrealitäten mitdenken
Kerstin Stark verdeutlichte, dass inklusive Mobilitätsplanung weit über Barrierefreiheit im klassischen Sinn hinausgeht. Menschen haben unterschiedliche Anforderungen – abhängig von Alter, Wohnort, familiärer Situation oder körperlichen Voraussetzungen. Eine Mobilitätsplanung für alle müsse deshalb diese Vielfalt bereits bei der Entwicklung von Angeboten berücksichtigen.
Dabei lenkte sie den Blick insbesondere auf den ländlichen Raum. Denn: Dort sei die Abhängigkeit vom privaten Pkw häufig besonders groß. Um gesellschaftliche Teilhabe für alle zu ermöglichen, brauche es attraktive Alternativen und Mobilitätsangebote, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren.
Digitalisierung als Chance – wenn sie inklusiv gedacht wird
Wie digitale Lösungen zu einer inklusiveren Mobilität beitragen können, zeigten mehrere Praxisbeispiele aus der Diskussion.
Jürgen Roß berichtete aus der Arbeit des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg und stellte unter anderem das mFUND-Projekt SAFIRA vor. Dort werden Echtzeitinformationen zur Auslastung einzelner S-Bahn-Wagen bereitgestellt, um Fahrgästen eine komfortablere und besser planbare Nutzung des öffentlichen Verkehrs zu ermöglichen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass insbesondere gewachsene Infrastrukturen bei der Umsetzung barrierefreier Angebote häufig vor großen Herausforderungen stehen.
Patrick Seirafi zeigte am Beispiel des mFUND-Projekts EMILIA , wie datenbasierte Werkzeuge Kommunen dabei unterstützen können, Mobilitätsangebote an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung auszurichten. Digitale Informationen, intuitive Orientierungssysteme und nutzendenzentrierte Anwendungen können wichtige Beiträge leisten, um öffentliche Räume zugänglicher zu gestalten.

Neue Mobilitätsformen von Anfang an inklusiv entwickeln
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war der Blick in die Zukunft. Neue Mobilitätsangebote wie autonomes Fahren oder Bedarfsverkehre eröffnen große Chancen – gleichzeitig können neue Barrieren entstehen, wenn unterschiedliche Nutzendengruppen nicht frühzeitig einbezogen werden. Als Beispiel wurde die Entwicklung zukünftiger Ladeinfrastruktur genannt. Damit autonome Fahrzeuge und Ladepunkte künftig für alle nutzbar sind, müssen Anforderungen verschiedener Personengruppen bereits heute in technische Standards und Planungsprozesse einfließen.
Perspektivwechsel als Schlüssel
Die Diskussion zeigte deutlich: Inklusive Mobilität beginnt nicht erst beim Aufzug am Bahnhof oder bei digitalen Assistenzsystemen. Sie beginnt bereits in der Planung. Entscheidend ist, unterschiedliche Perspektiven frühzeitig einzubeziehen und Mobilitätsangebote konsequent an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten. Viele innovative Ansätze – von datenbasierten Planungsinstrumenten über digitale Informationssysteme bis hin zu neuen Mobilitätskonzepten – zeigen bereits heute, welches Potenzial vorhanden ist. Gleichzeitig besteht jedoch ein großer Handlungsbedarf, diese Lösungen flächendeckend umzusetzen.
Beim anschließenden Get-together nutzten die rund 60 Teilnehmenden die Gelegenheit, die Diskussionen fortzuführen, Erfahrungen auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen. Der Auftakt der Veranstaltungsreihe machte deutlich: Mobilität für alle ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Sie gelingt nur, wenn Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft unterschiedliche Perspektiven frühzeitig zusammenbringen.